Kundenveranstaltung zur Finanzmarktkrise im November 2008

Rezession oder Panikmache - Was bedeutet die Finanzmarktkrise für die Wirtschaft?

"Milliarden-Rettungspaket für die Banken", "Immobilienfinanzierung vor dem Zusammenbruch", "Sparer bangen um Einlagen", "Rezession droht" - diese und ähnliche Schlagzeilen bestimmten in den letzten Monaten des Jahres 2008 die Nachrichten. Grund genug für die unitcell GmbH, ihre Geschäftspartner und Kunden auf einer Vortrags- und Diskussionsveran-staltung über die aktuelle Lage zu informieren und die möglichen Auswirkungen der Krise zu diskutieren: Hat sich die Politik richtig verhalten? Wie entwickelt sich die deutsche Wirtschaft weiter? Droht dem Mittelstand eine Kreditklemme?

Für die Veranstaltung am 5. November 2008 konnte die unitcell mit Dr. Stefan Kooths vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und Tim Szent-Iványi, Wirtschaftsjournalist der Berliner Zeitung, kompetente Referenten gewinnen. Einerseits mit viel Statistik und andererseits mit einem Blick hinter die Kulissen der Macht fesselten die Redner ihr Publikum und standen anschließend den Zuhörern Rede und Antwort.

„Hübsche Päckchen mit faulen Äpfeln“

In seiner Einführung ließ unitcell-Geschäftsführer Rainer Dandyk die Entwicklung der Krise Revue passieren – von der staatlichen Rettungs-aktion für die angeschlagene Mittelstandsbank IKB im Sommer 2007 bis zum Beschluss eines milliardenschweren Rettungspakets für deutsche Finanzinstitute Mitte Oktober.

Dandyk erinnerte daran, wie die Krise entstanden war: Durch die Vergabe von Immobilienkrediten an Darlehensnehmer, die sich eigentlich gar kein eigenes Haus leisten konnten und den anschließenden Weiterverkauf der Kreditrisiken in alle Welt. „Da wurden hübsche Päckchen gepackt, nur hat leider niemand gemerkt, wie viele faule Äpfel dort drin lagen“, sagte Dandyk.

Die Auswirkungen seien verheerend. Eine Bankenpleite jage die andere, Banken liehen sich untereinander kein Geld mehr, die Börsen befänden sich im freien Fall. Die Verluste durch die Finanzkrise würden nach Schätzungen der Bank of England bisher drei Billionen Euro betragen. „Würde man 100-Euro-Scheine stapeln, käme ein 3.150 km hoher Turm zustande. Das ist ungefähr die Strecke von Berlin nach Bagdad“, hat Dandyk ausgerechnet.

Zu spät reagiert

Tim Szent-Iványi berichtete darüber, wie die deutsche Politik bisher mit der Krise umgegangen ist. Nach Einschätzung des Journalisten hat die Bundesregierung viel zu spät reagiert, weil sie die Brisanz der Krise anfangs nicht wahrhaben wollte. Noch Mitte September habe Bundesfinanzminister Peer Steinbrück von einem rein US-amerikanischen Problem gesprochen und die Stabilität des deutschen Finanzsektors gerühmt.

Der SPD-Politiker hatte sich sogar über diejenigen lustig gemacht, die schon frühzeitig vor möglichen Konjunkturproblemen warnten: „Diese verbreiteten Sadomaso-Tendenzen sind mir ein absolutes Rätsel“, sagte Steinbrück damals. Selbst Ende September hielt Steinbrück ein umfassendes Rettungspaket noch für überflüssig.

Erst nach der Beinahe-Pleite des Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate, der mit Milliarden-Bürgschaften des Staates gerettet werden musste, wachte die Bundesregierung nach Beurteilung von Szent-Iványi auf. Fall-zu-Fall-Lösungen reichten nicht mehr aus, habe die Regierung erkannt. Eine neue Strategie sei dann aber nicht in Deutschland, sondern in Großbritannien entwickelt worden:

Ein Rettungsschirm mit den Elementen Eigenkapitalhilfen, Staatsbürgschaften und Risikoübernahmen. Der Regierung sei es zwar immerhin gelungen, das 480-Milliarden-Euro-Paket in einer Rekordzeit von nur einer Woche durch die Parlamente zu bringen. Das habe allerdings wenig genützt, weil das Paket nur zögerlich genutzt werde.

Nach Ansicht von Tim Szent-Iványi war es zwar richtig, den Banken bei Inanspruchnahme der staatlichen Hilfen Auflagen zu machen – Begrenzung der Managergehälter auf 500.000 Euro, Verbot von Boni und Dividenden. Allerdings wäre es sinnvoller gewesen, den Bankensektor zur Annahme des Pakets zu verpflichten. Dann wäre schneller wieder Ruhe in den Finanzsektor eingekehrt, meinte Szent-Iványi.

Er erinnerte zudem daran, dass es die rot-grüne Regierung unter Gerhard Schröder (SPD) gewesen sei, die die als Hauptverursacher der Krise geltenden Verbriefungsgeschäfte massiv gefördert habe. Maßgeblich dafür verantwortlich sei der damalige Abteilungsleiter im Finanzministerium, Jörg Asmussen gewesen. Eben jener Jörg Asmussen sei heute als Staatssekretär die rechte Hand von Steinbrück. „Die Politik kann nicht so tun, als habe sie von nichts gewusst“, kritisierte der Journalist.

Keine Kreditklemme

Dr. Kooths vom DIW eröffnete seinen Vortrag mit einer für viele Teilnehmer der Kundenveranstaltung gewagten These: Die Finanzkrise habe mitnichten zu Verlusten in Billionenhöhe geführt. Vielmehr sei der Verlust Null.

Zur Begründung forderte er zu einem Gedankenexperiment auf: Er borge einem der Anwesenden eine Million Euro. Dieser Betrag werde dann immer weiter verliehen. Wenn am Ende der Kredit nicht zurückgezahlt werden könne, habe nur er – Kooths – einen Verlust zu verkraften. Gesamtwirtschaftlich gesehen gibt es nach seiner Lesart aber überhaupt keinen Schaden. Denn schließlich sei die ausgefallene Kreditsumme in der Realwirtschaft investiert worden.

Der DIW-Experte erläuterte dann, warum er die weit verbreitete Sorge vor einem dramatischen Abschwung nicht teile. Zwar gebe es in Deutschland derzeit eine so genannte technische Rezession, da zwei aufeinander
folgende Quartale ein Minus-Wachstum aufwiesen. Der Trend zeige aber eindeutig nach oben. Auch die Zahl der Arbeitslosen werde nicht steigen. Entlastend wirken die verringerte Inflation und der gesunkene Ölpreis.

Durch die für die Arbeitnehmer günstigen Lohnabschlüsse werde zudem das verfügbare Einkommen der Haushalte erstmals seit Jahren wieder steigen. „Der private Konsum wird anspringen“, sagte Dr. Kooths voraus. Die deutsche Wirtschaft wird daher nach Einschätzung des DIW 2009 nicht in eine Rezession schlittern, sondern um ein Prozent wachsen.

Eine Kreditklemme droht nach Ansicht des Wissenschaftlers ebenfalls nicht. Mit einer Reihe von Grafiken belegte Dr. Kooths, dass das Kreditvolumen der Banken an die Wirtschaft derzeit sogar gestiegen ist und sich die Darlehenskonditionen nicht verschlechtert haben. Das Fazit von Dr. Kooths war durchweg optimistisch: Direkte Auswirkungen der Finanzkrise auf die Realwirtschaft seien derzeit nicht zu beobachten, betont er.

Problematisch sei allenfalls die psychologische Wirkung auf Investoren und Verbraucher durch die von negativen Schlagzeilen bestimmte öffentliche Debatte über die Krise. Gleichwohl sei die deutsche Wirtschaft in einer robusten Verfassung. Attraktive Produkte und eine hohe preisliche Wettbewerbsfähigkeit sorgten dafür, dass Deutschland seine Weltmarktanteile verteidigen könne, zeigte sich der DIW-Experte sicher.

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