„Hau-Ruck“-Solarkürzung 2012 – Brandbeschleunigung für krisengeschüttelte Solarunternehmen bei ungebrochen hohem Zubau erwartet

von Frank Lorenz, unitcell GmbH, 17.04.2012

Auswirkungen der aktuellen Kürzung bei der Solarstromförderung

Der deutsche Absatzmarkt für Photovoltaik (PV)-Anlagen ist seit Jahren der weltweit Bedeutendste. Dies basiert auf der im Vergleich zu anderen Ländern kontinuierlichen, hohen und ungedeckelten staatlichen Förderung vor dem Hintergrund der Energiewende sowie dem starken ökologischen Bewusstsein der deutschen Bevölkerung. Mit einem Anteil von 27 Prozent am Weltmarkt in 2011 hat Deutschland noch immer Leitcharakter für die Entwicklung der gesamten jungen regenerativen Energieindustrie.

Ausgelöst von starken Preissenkungen für Photovoltaik-Anlagen konnten Investoren in den letzten zwei Jahren bis zu zweistellige Vorsteuerrenditen mit dem Bau und Betrieb von Solarstromanlagen erzielen. Dies führte allein in 2010 und 2011 zu dem enormen Zubau von fast 15 GWp (Gigawatt-Peak) an neu installierten Kapazitäten.

Auch in diesem Jahr wird in Deutschland wieder ein Zubau der PV-Kapazitäten von 7,5 GWp oder mehr erwartet. Dies überschreitet den politisch erwünschten Ausbau von 3,5 GWp im dritten Jahr in Folge um mehr als das Doppelte (siehe Abb. 1).

Nach Vergütungskürzungen für Solarstrom jeweils zum Jahresanfang 2011 um 13 Prozent und 2012 um 15 Prozent hat der Bundestag vor diesem Hintergrund nun am 30. März 2012 die Vergütung ab dem 1. April 2012 erneut drastisch verringert (siehe Abb. 2) und eine Kurskorrektur eingeleitet. Der nun eingeschlagene Weg

  • beschleunigt den mittelfristig geplanten Ausstieg aus der subventionierten Vergütung für Solarstrom in Deutschland,
  • setzt neue förderpolitische Akzente,
  • wird den Zubau in 2012 insbesondere im Bereich der Solarkraftwerke zusätzlich befeuern,
  • verschärft den Wettbewerbsdruck auf große Teile der existenzbedrohten deutschen Solarwirtschaft und
  • schafft erhebliche Zweifel an der Planungssicherheit in einem politisch gewollten und mindestens für die nächsten zwei bis vier Jahre noch von der Förderung abhängigen Solarmarkt über deutsche und europäische Grenzen hinaus.

Inhalte der aktuellen Förderkürzung nach dem Erneuerbare Energien Gesetz (EEG)

  • Die Anzahl der geförderten Anlagenklassen wird von sechs auf drei verringert und damit die Förderung auf drei Zielgruppen fokussiert (siehe Abb. 3): Eigenheimbesitzer (kleine Anlagen auf Wohngebäuden bis 10 kWp), Gewerbe- und Industriebetriebe (kleine bis große Anlagen auf Wohn- und Nutzgebäuden bis 1 MWp) sowie kleine und große Energieversorger (große bis sehr große Anlagen auf Nutzgebäuden und Freiflächen bis 10 MWp).
  • Die direkte Vergütung von eingespeistem Solarstrom wird ab sofort je nach Anlagenklasse um 20 bis 29 Prozent stark gekürzt. Für Gebäudeanlagen gilt eine Übergangsfrist bis zum 30. Juni 2012, sofern für betreffende Anlagen vor dem 24. Februar 2012 ein Antrag auf Zuweisung eines Netzverknüpfungspunktes gestellt worden ist. Freiflächenanlagen sind vorerst ebenfalls teilweise ausgenommen – hier wird die Vergütung des Stroms erst zum 1. Juli 2012 bzw. für Anlagen auf Konversionsflächen erst zum 1. Oktober 2012 gekürzt, sofern für die betreffenden Anlagen vor dem 1. März 2012 ein Bebauungsplan aufgestellt bzw. geändert worden ist. Die nach altem EEG geplante Kürzung von 15 Prozent zum 1. Juli für Freiflächenanlagen auf Konversionsflächen bleibt für diese Anlagen jedoch bestehen.
  • Der Aufschub der Vergütungsanpassung im Rahmen der Übergangsfristen betrifft lediglich bereits in Umsetzung befindliche Anlagen. Dieser Aufschub wird dennoch für einen verstärkten Zubau großer Anlagen bis zum dritten Quartal 2012 sorgen.
  • Die prozentuale Kürzung der Vergütungssätze erfolgt zukünftig monatlich und bezieht sich jeweils auf den Vergütungssatz des Vormonats. Die Grundkürzung beträgt -1,0 Prozent pro Monat. Ab dem 1. November 2012 erfolgt gemäß dem atmenden Deckel je nach Zubau im Verhältnis zum Zielkorridor zusätzlich eine Anpassung pro Monat zwischen +2,5 Prozent und -1,8 Prozent.
  • Sehr große, dezentral Strom erzeugende Kraftwerke werden nur noch eingeschränkt gefördert. So wird der 10 MWh im Jahr überschreitende Strom einer PV-Anlage nicht mehr durch das EEG vergütet. Zudem werden große Anlagen im Umkreis von 4 km für die Vergütungsberechnung zusammengerechnet, wenn sie innerhalb der Grenzen der gleichen Gemeinde errichtet werden. Inwieweit dies z.B. auf kommunaler Ebene zu gravierenden Veränderungen von Bebauungsplänen etc. führt, ist eine noch zu klärende Frage.
  • Die zusätzliche Vergütung des Eigenverbrauchs wurde gestrichen. Die Ersparnis bei der Stromabrechnung genügt zukünftig. Betreiber von Dachanlagen wie Gewerbe- und Industriebetriebe oder Eigenheimbesitzer sind ab sofort gezwungen, mindestens 10 bzw. 20 Prozent des erzeugten Stroms selbst zu verbrauchen, da dieser Betrag von der Jahresleistung nicht mehr durch das EEG vergütet wird. Eine Direktvermarktung ist für diese Gruppe zurzeit kaum sinnvoll bzw. möglich.
  • Die geplanten Änderungen berühren die Investitionssicherheit, insbesondere für mittlere und große Photovoltaik-Anlagen. Bei Aufdach-Anlagen besteht einerseits die Unsicherheit, in welche Vergütungsklasse die Anlage letztendlich fällt (Größenschwellen). Andererseits besteht die Unsicherheit, wann die Anlage tatsächlich am vorgesehenen Ort fest installiert ist und in Betrieb genommen wird und wie hoch die daraus folgende Grundvergütung je kWh ausfällt. Für neue Investitionsvorhaben werden diese Unsicherheiten wahrscheinlich einerseits zu einer Anpassung der Errichtungsverträge durch gleitende Preisklauseln führen. Andererseits wird dies ein Wettrennen um Flächen und lokale Inbetriebnahmezeitpunkte auslösen.

Der Markt für kristalline* Photovoltaik-Anlagen entwickelte sich in den letzten fünf Jahren zu einem Massenmarkt.

Hintergrund der starken Preis-senkungen der letzten zwei Jahre war der Übergang zur Massenproduktion bei kristallinen PV-Modulen. Dadurch konnten die Hersteller auf allen Stufen der Wertschöpfungskette positive Skaleneffekte bei den Produktions- und bei wesentlichen Materialkosten realisieren. Hinzu kamen weitere realisierte Kostensenkungen durch technologische Innovationen auch im Fertigungsprozess und von 2008 bis 2011 um 90 Prozent gesunkene Kosten für Solarsilizium.

Zusätzlich sanken die Preise für Photovoltaik-Module aufgrund von insbesondere in Asien aufgebauten hohen Überkapazitäten. Der daraus resultierende Preiskampf konzentrierte sich besonders auf dem weltweit bedeutendsten Markt in Deutschland. So verkauften im letzten Jahr selbst die chinesischen Kostenführer ihre Photovoltaik-Module hierzulande deutlich unter den Herstellungskosten.

Eine weitere Senkung der Preise für Photovoltaik-Anlagen von sofort durchschnittlich 25 Prozent und zum Januar 2013 um weitere 10 Prozent ist nach Aussage der deutschen Photovoltaik-Industrie nicht möglich, da die starke Preisreduktion in 2011 bereits die für 2012 erhofften Kostendegressionen vorweg genommen hat.

Die aktuelle Kürzung der Solarförderung hat kurzfristig keine negativen Auswirkungen auf die Auslastung, jedoch deutlich auf die Ertragssituation der Unternehmen – insbesondere bei Zellen- und Modulherstellern.

Im letzten Jahr hatten insbesondere die Hersteller von Solarzellen und kristallinen Photovoltaik-Modulen weltweit Verluste zu verzeichnen. Der zusätzliche Preisdruck durch die aktuelle Förderkürzung in Deutschland führt in diesem Jahr zu erheblichen zusätzlichen Verlusten. Die insgesamt vor allem für heimische Produzenten von Solarzellen und –modulen negative Entwicklung der Zellen- und Modulpreise ist jedoch kaum auf die aktuelle Kürzung der Solarstromförderung zurückzuführen.

Die Konsolidierungswelle hat zunächst solche Unternehmen getroffen, die sich nicht rechtzeitig auf die absehbaren Marktentwicklungen einstellen konnten. Allerdings haben auch gut aufgestellte Hersteller von Solarzellen und -modulen gegen die bessere Kostenposition der chinesischen Hersteller mittelfristig in Deutschland kaum eine Überlebenschance.

Vor allem die Übergangsfristen für bereits angemeldete Freiflächenanlagen und die Einführung des atmenden Deckels werden in 2012 noch einen Zubau mindestens auf dem Niveau von 2011 (7,5 GWp) erzeugen. Optimistische Erwartungen bezüglich des Marktvolumens hoffen sogar auf eine Steigerung bis zu 10 GWp in diesem Jahr. Dies ist nicht unrealistisch.

Für Anlagenbetreiber ändert sich künftig, abgesehen von einer sinkenden Rendite, nicht allzu viel. Aktuelle Wirtschaftlichkeitsberechnungen zeigen, dass bei weiter fallenden Anlagenpreisen die Installation und der Betrieb von Photovoltaik-Anlagen in Deutschland auch unter den neuen Förderbedingungen abgeschwächt rentabel bleiben wird (siehe Abb. 5).

Insgesamt führt diese erneute, unangekündigte und erhebliche Kürzung in jedem Fall für alle Player der Branche zu Zweifeln an der Verlässlichkeit politischer Beschlüsse bezüglich der künftigen Förderung der Solarindustrie. Das erschwert strategische Planungen auf Investoren- und auf Branchenseite erheblich.

Deutsche Unternehmen sind weiterhin an einem Großteil der Wertschöpfungskette erfolgreich beteiligt.

Dies betrifft z.B. den Siliziumhersteller Wacker Chemie, die Zulieferer wichtiger Anlagenkomponenten (Wechselrichter, Gestelle), den Maschinen- und Anlagenbau, Anbieter von schlüsselfertigen PV-Anlagen, Projektierer, Installateure bzw. Handwerker und nicht zuletzt auch Hersteller von Solarmodulen in einigen Marktnischen. In diesen Bereichen wird der Wettbewerb weiter zunehmen und sich konsolidieren. Viele deutsche Unternehmen sind jedoch gut aufgestellt und können mit der richtigen Strategie auch zukünftig erfolgreich sein.

Trotz der aktuellen Förderkürzung ist der Photovoltaikmarkt in Deutschland weiterhin für viele Marktteilnehmer attraktiv.


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