Der Weg von KULTURpur in die digitale Welt

Interview mit Christian Kourik, Februar 2015

  • 1997 gründete Dipl. Kfm. Christian Kourik KULTURpur als jährlichen
    Kulturalmanach für Berlin
  • Ab 2008 begann mit KULTURpur.de der Aufbau einer Internetseite für den
    deutschsprachigen Raum mit sämtlichen Ausstellungen, Bühnen-
    aufführungen und dem Kinoprogramm
  • KULTURpur berichtet heute über 10.000 Veranstaltungen täglich

Deutschlands Kulturlandschaft ist in ihrer Vielfalt einzigartig. Mit über 9.500 Kultureinrichtungen und 10.000 Veranstaltungen pro Tag ist für jeden Geschmack etwas dabei. Mehr als 375 Mio. Menschen ließen sich 2014 von diesem Angebot begeistern. Die häufig gestellte Frage, ob sich Deutschland zu viel Kultur leistet, lässt sich eindeutig verneinen. Die Besucherzahlen in Kultureinrichtungen sind in den letzten Jahren regelmäßig gestiegen; bei den meisten Bühnenhäusern liegt die Auslastung bei über 80%. Das Angebot wird also gut angenommen.

unitcell: Wie entstand die Idee zu KULTURpur?

KULTURpur: Das faszinierende Kulturangebot beschäftigt uns seit 1997. Die Idee von KULTURpur war, die verstreuten Informationen der Jahresspielpläne der Opernhäuser, Orchester und Sprechtheater zu bündeln und übersichtlich mit dem Museums- und Galerienprogramm in einem Jahresmagazin darzustellen. Damals veröffentlichten wir im September erstmals eine Jahresausgabe über die kommende Berliner Spielzeit. Auf 200 Seiten listete das Magazin mit einer Auflage von 40.000 Exemplaren das Programm der Bühnen, Museen und Galerien für die kommenden elf Monate auf.

unitcell: Wie kam es zum Wandel des Geschäftsmodells von einem Printmagazin zu einer Online-Plattform?

KULTURpur: Der Wandel bedingt sich aus den umfangreicheren Möglichkeiten des Internets bei Nachschlagewerken gegenüber Printprodukten. Diese wollten wir während des New Economy Hype‘s um die Jahrtausendwende nutzen. Die Printausgabe von KULTURpur war regional begrenzt. Des Weiteren nahm die Relevanz als Jahresmagazin mit dem fortschreitenden Jahr langsam ab. Im Internet können die Daten ständig aktualisiert und erweitert werden. Umfangreiche Verknüpfungen und Bebilderungen sind möglich, ebenso die Einbindung von kurzen Videos. Der Informationsgehalt ist damit deutlich höher.

unitcell: Welche Chancen erkannten Sie mit der wachsenden Bedeutung des Internets?

KULTURpur: Wir sahen vor allem eine große Chance in der Erweiterung des Nutzerkreises und in der Möglichkeit, eine Lücke zu schließen. Die einzelnen Kultureinrichtungen verfügen zwar über eigene Internetseiten, es gab jedoch noch keine sparten- und länderübergreifende Kultur- und Veranstaltungsseite mit dem gesamten Programm. Bei jährlich 120.000 Bühnenveranstaltungen und 120 Mio. verkauften Tickets ist unser Ziel, dass sich 1% der Kulturbesucher auf unserer Homepage informiert und über KULTURpur ein Ticket kauft.

unitcell: Wie erfolgte dieser Digitalisierungsprozess?

KULTURpur: Eine solche Umstellung gelingt nicht von einem Tag auf den anderen. Ab 1997 hatten wir schon eine Homepage, auf der wir die Inhalte des Berliner Magazins darstellten. Zusätzlich erfolgte um die Jahrtausendwende ein Relaunch der Internetseite www.berlin.de. Für diese lieferten wir die Inhalte für die Rubriken Galerien und Bühnenhäuser. Mit dem Internet waren wir somit schon immer stark verbunden.

Die Konzentration auf die eigene Homepage verstärkte sich, als wir 2008 eine Kooperation mit einer großen Internetplattform eingingen. Für diesen Partner lieferten wir Inhalte für deren Internetseite, erstellten also eine redaktionelle Leistung. Aufgrund der immer schwierigeren Einnahmesituation durch das Anzeigengeschäft für Printprodukte stellten wir 2012 das Magazin ein und bündelten unsere Kräfte zur Erweiterung der eigenen Internetseite um die deutschsprachigen Länder Österreich und Schweiz.

unitcell: Wie hat sich Ihr Produktangebot geändert?

KULTURpur: Das Angebot definiert sich aus unserem Slogan: KULTURpur – Wissen, wo was läuft! Wir berichten über das A, B, C des Veranstaltungsprogramms. Dabei steht das A für Ausstellungen in Museen und Galerien, das B für Bühnenaufführungen und C für Cinema, das komplette Kinoprogramm.

Anfangs war ein enormer Aufwand notwendig. Über 10.000 Kultureinrichtungen wurden mit den genauen Koordinaten erfasst, kategorisiert und bebildert. Ebenfalls katalogisierten wir von den wichtigsten Komponisten und Autoren das Werksverzeichnis. Wurden in den 15 Jahresausgaben des Magazins ca. 3.000 Seiten bedruckt, sind bei der Internetseite heute über 250.000 Unterseiten von KULTURpur.de bei Google registriert. Diese Anstrengungen waren notwendig, um vielfältige Suchmöglichkeiten und Verknüpfungen zu schaffen und nicht nur tabellenhaft Spielpläne darzustellen. Der Besucher der Seite kann sowohl sehen, was in seiner Stadt oder auf seiner Lieblingsbühne läuft, als auch wann sein Lieblingskomponist oder -werk aufgeführt wird.

unitcell: Auf Ihrer Seite werden Tickets angeboten, wie hat sich dadurch Ihre Einnahmesituation verändert?

KULTURpur: Einnahmeseitig steht KULTURpur.de auf 3 Säulen:

  • Erträge aus redaktionellen Leistungen für Kooperationspartner,
  • Provisionen durch Ticketverkäufe und
  • Anzeigenverkäufen.

Dabei nimmt die klassische Werbung auf der Homepage noch nicht die Relevanz ein, die sie beim Printprodukt hatte. Provisionen erhalten wir durch die über unsere Homepage weitergeleiteten Ticketverkäufe, Restaurantreservierungen und zukünftig auch Hotelbuchungen. Zurzeit arbeiten wir mit den sechs größten Ticketpartnern zusammen, drei weitere werden im ersten Halbjahr 2015 noch integriert. Der Verkauf der redaktionellen Arbeit findet in Form von Inhalten für Internetseiten von Kooperationspartnern statt. Der dadurch eintretende Kannibalisierungseffekt gegenüber der eigenen Homepage wird durch den damit einhergehenden starken Multiplikator des Kooperationspartners kompensiert. Zukünftig wollen wir die Zusammenarbeit mit strategischen Partnern weiter ausbauen.

unitcell: Wie hat der Digitalisierungsprozess die Organisationsstruktur verändert?

KULTURpur: Die Organisationsstruktur des Unternehmens hat sich grundsätzlich nicht geändert. Das Aufgabenfeld hat sich nur erweitert. Waren wir während der Anfangszeiten der Printausgabe 2-3 Mitarbeiter, erhöhte sich die Mitarbeiterzahl durch den Umfang und die Bandbreite der Informationen auf 5-6 Mitarbeiter. Neben den redaktionellen Tätigkeiten kamen technische Aufgaben hinzu. Wegen schlechter Erfahrung mit externen Dienstleistern bei der Suchmaschinenoptimierung haben wir uns das Know-how im Team selbst aufgebaut. KULTURpur.de zeichnet sich vor allem durch gut definierte URLs, Bilderbeschriftungen und eine geordnete Homepagestruktur aus.

unitcell: Wie wurden Sie beim Wandel des Geschäftsmodells finanzierungsseitig begleitet?

KULTURpur: Die Begeisterungsfähigkeit für bisher Unbekanntes ist im Unterschied zu den USA in Deutschland nicht besonders ausgeprägt. Insbesondere die Kulturlandschaft wird in Bezug auf ihre Wirtschaftskraft stark unterschätzt. Dies merkten wir auch bei Finanzierungsgesprächen. Deswegen entschieden wir uns, aus den laufenden Erträgen zu wachsen. Dieser Weg dauert zwar etwas länger, erscheint uns aber nachhaltiger.

unitcell: Vor welchen Herausforderungen stehen Sie in der Zukunft?

KULTURpur: Eine wichtige Rolle spielen die ständigen technischen Erneuerungen. Dachten wir anfangs noch, dass eine gute Desktop-Version einer Internetseite reicht, wurden wir mit der Einführung der Smartphones und Tablets eines Besseren belehrt. 45% aller Internetseitenzugriffe erfolgen heute von mobilen Geräten. Ohne gute mobile Lösung verpasst man die Hälfte der möglichen Besucher. Mit der Entwicklung unserer mobilen Lösung wurde diese Lücke geschlossen. Dies war für uns umso wichtiger, da kaum eine Kultureinrichtung eine auf mobile Geräte optimierte Internetseite besitzt. Des Weiteren ergeben sich durch diese mobile Lösung Zusatzfunktionen für den Smartphone-Gebrauch. So lassen sich durch eine Umgebungssuche Kultureinrichtungen mit ihren Veranstaltungen in der Nähe anzeigen. Dies bedeutet gerade für den Tourismus einen unschätzbaren Zusatznutzen. Auch müssen wir uns der Herausforderung der ständigen Homepage- und Suchmaschinenoptimierung stellen. Über 90% aller Suchanfragen erfolgen in Deutschland über Google. Erfolg hat nur, wer die Kriterien des Google-Algorithmus erfüllt.

unitcell: Welches Fazit schließen Sie aus dem Geschäftsmodellwandel?

KULTURpur: Bei allen Anstrengungen sind wir mit der Entscheidung der Umstellung zufrieden. Die Begeisterung für Kulturveranstaltungen reißt nicht ab und damit wächst auch die Notwendigkeit, mit modernen Kommunikationsmitteln darüber zu berichten. Im digitalen Kommunikationszeitalter, in dem auf alle Informationen von überall auf der Welt zugegriffen werden kann, jeder ständig erreichbar ist und sich alles problemlos vervielfältigen lässt, wächst das menschliche Bedürfnis nach dem UNMITTELBAREN, EMOTIONALEN und EINMALIGEN. KULTURpur verbindet diese Faszination mit der modernen Kommunikation.

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