Kreditklemme im Automobilhandel?

Mai 2009

Befragung über die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise auf die Kreditvergabe für Autohäuser

Die globale Finanzkrise in 2008 führte weltweit zu der größten Wirtschaftskrise seit vielen Jahrzehnten.

Der Automobilhandel hat die Finanzkrise bereits zu spüren bekommen, bevor die dramatischen Ereignisse um die Lehman Brothers die Büchse der Pandora in der Finanzwelt geöffnet haben. Lange bevor es zum großen Erdbeben kam, wurde der Autohandel von „Vorbeben“ erschüttert. Diese Vorbeben äußerten sich im Euribor, dem Zinssatz im Interbanken- handel, dessen Anstieg bereits ab 2006 das Misstrauen der Banken untereinander widerspiegelte. Die Folge: Ein Anstieg des Euribor um ca. zwei Prozentpunkte verteuerte die Fahrzeugfinanzierung für den Handelsbetrieb bereits deutlich im Vorfeld der eigentlichen – durch Lehman Brothers öffentlich gemachten – Krise. Erst der Rettungsschirm der Bundesregierung hat den Euribor wieder „ins Lot“ gebracht.

Daher haben wir uns bei unserer aktuellen Umfrage dafür entschieden, die möglichen Veränderungen im Verhältnis zwischen Finanzierungspartnern und Automobilhandelsunternehmen nicht für den Zeitraum vom Herbst letzten Jahres bis heute zu erfragen, sondern haben den Rahmen weiter gesteckt und den Zeitraum der vergangenen zwei Jahre als Bezugsrahmen gewählt.

Um ein möglichst objektives Bild der Situation zu erhalten, wurden nicht die Betroffenen selbst (Autohändler und Hausbanken) befragt, sondern Experten im unmittelbaren Umfeld der Handelsbetriebe: Hierzu gehören die betriebswirtschaftlichen Händlerberater und Vertriebsverantwortliche der Herstellerkonzerne sowie Vertreter der Herstellerbanken.

Aus Anonymitätsgründen gehen wir nicht auf Unterschiede zwischen einzelnen Herstellerkonzernen (Marken) ein, sondern werten alle Befragungsergebnisse in Summe aus.

Zunehmend passives Verhalten bei Hausbanken und Immobilienfinanzierern

In unserer ersten Frage wollten wir wissen, ob unsere Interviewteilnehmer in den vergangenen zwei Jahren eine Zurückhaltung der Hausbanken / Immobilienfinanzierer bei ihren Handelspartnern feststellen konnten.

Aus den Gesprächen ging deutlich hervor, dass eine verstärkte Zurückhaltung in den vergangenen zwei Jahren sowohl bei Hausbanken als auch bei Immobilienfinanzierern der betreuten Autohäuser wahrzunehmen ist. Zwei Drittel der Befragten kamen zu diesem Ergebnis, lediglich ein Drittel stellte die Zurückhaltung nur bei den Hausbanken fest. Hierzu muss man jedoch sagen, dass im Zuge des Konzentrationsprozesses der vergangenen zehn Jahre relativ wenige Autohäuser neu errichtet wurden. Immobilienfinanzierer waren meist nur dann gefragt, wenn es zu Übernahmen von bestehenden Betrieben im Zuge von Insolvenzen oder Nachfolgeregelungen kam.

Dieses Ergebnis ist soweit noch nicht verwunderlich, da seit Basel II neben den individuellen Unternehmenszahlen auch das Branchenrating zur Beurteilung bei der Kreditvergabe herangezogen wird und damit der Autohandel qua Branche „vorbelastet“ ist.

In der Folge ging es uns also darum zu ermitteln, welche Gründe hierfür ausschlaggebend sind, welche Auswirkungen dies nach sich zieht und welche Lösungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen.

Ratings der Handelsbetriebe haben sich verschlechtert

Die nächsten beiden Fragen möchten wir im Zusammenhang diskutieren. Hierbei fragten wir nach der Entwicklung des Ratings des Handelsunternehmens bei seiner Hausbank und nach der ausreichenden Ausstattung mit Betriebsmittellinien.

Erneut wenig überraschend war die Tendenz, dass sich das Rating von Handelsbetrieben in den vergangenen zwei Jahren überwiegend verschlechtert hat: Lediglich bei einem Drittel der Handels- betriebe ist das Rating etwa gleich geblieben, während zwei Drittel Verschlechterungen im Rating erfahren haben.

Verfügbarkeit von Kontokorrentlinien wird unterschiedlich wahrgenommen

Auf unsere Frage, ob die Hausbanken ausreichend Kontokorrentlinien zur Betriebsmittelfinanzierung der Handelsbetriebe zur Verfügung stellen, ergab sich ein sehr differenziertes Bild: 22 Prozent der Befragten gaben an, dass dies bei keinem der von ihnen betreuten Handelshäuser der Fall sei, 11 Prozent beobachteten eine ausreichende Kontokorrentausstattung bei nur wenigen Handelsbetrieben und ca. zwei Drittel gaben an, dass sich die Ausstattung mit ausreichenden Betriebsmittellinien bei den betreuten Handelspartnern etwa die Waage hält.

Dies ist ein eindeutiger Hinweis darauf, dass Hausbanken ihren Kreditnehmern gegenüber nicht undifferenziert anhand des allgemeinen Branchenratings gegenübertreten und prophylaktisch oder gar willkürlich Linien kürzen. Vielmehr ergibt sich, dass auch in einer schwierigen Branche diejenigen Handelspartner, welche finanzseitig und in ihrer Ergebnissituation gut aufgestellt sind, nach wie vor auf ihre Betriebsmittelfinanzierung bei ihrer Hausbank bauen können.

Hieraus folgt die positive Konsequenz, dass es sich für den mittelständischen Autohandelsbetrieb lohnt, aktiv sein gutes Rating zu pflegen bzw. ein weniger gutes Rating zu verbessern, denn er ist nicht durch seine Branchenzugehörigkeit „vorverurteilt“. Die typischen ratingverbessernden Faktoren, wie beispielsweise Kontrolle der Mittelbindung im Vorratsvermögen, eine saubere Kontoführung möglichst ohne Überziehungen, eine „schlanke“ Bilanz mit einer guten Eigenkapitalquote etc. helfen ihm, seine Betriebsmittellinien zu sichern.

Unsere Befragung erfasst zu diesem Zeitpunkt den Status quo (April 2009). Kurz zusammengefasst lautet er:

  • Hausbanken stehen Automobilhandelshäusern heute mit deutlich mehr Zurückhaltung gegenüber als dies vor dem Jahr 2006 der Fall war.
  • Das Rating der Autohandelsbetriebe ist maximal gleich geblieben, überwiegend jedoch abgerutscht.
  • Die Betriebsmittellinien sind lediglich bei Unternehmen eingeschränkt verfügbar, die auch über das Branchenrating hinaus eine schlechtere Entwicklung vollzogen haben.

Rückzug klassischer Finanzinstitute macht Ersatzmittel durch Herstellerbanken nötig

Daran schließt sich nun unmittelbar eine unsichere Zukunftsperspektive an: Wie lange dauert die Krise noch? Wie lange wird das derzeitig noch positive Konsumklima anhalten? Werden die erwarteten Folgen der Krise, die sich aus dem Verlust von Arbeitsplätzen bei den Konsumenten ergeben, zu einem lang anhaltenden Druck auf das Autohandelsgeschäft führen?

Die internationalen Wirtschaftsforschungsinstitute sind mit ihren Prognosen vorsichtig geworden. Einigkeit herrscht lediglich darüber, dass das Jahr 2009 mit einem Negativwachstum abschließen wird; wann und wie schnell eine Erholung zu erwarten ist, hierüber ist man sich uneins.

Was bleibt also dem Automobilhandelsunternehmen in dieser Situation? Einer unserer mittelständischen Kunden würde es wohl so ausdrücken: „Das Beste hoffen, aber sich auf das Schlimmste vorbereiten.“

Wenn man sich auf das Schlimmste vorbereitet, betrifft dies zu allererst einmal die Dinge, die man im eigenen Unternehmen bewirken kann. Der Autohandelsbetrieb agiert jedoch nicht ohne strategischen Partner am Markt.

Daher haben wir in unserer Umfrage auch einen Fokus auf Finanzierungsleistungen der Hersteller und Herstellerbanken gelegt und die Frage gestellt, ob sie Ersatzmittel für Händler zur Verfügung gestellt haben bzw. zur Verfügung stellen mussten, weil sich klassische Finanzierungsinstitute zurückgezogen haben.

Lediglich 12,5 Prozent haben diese Frage verneint. Die 87,5 Prozent der Befragten, die dies bejaht haben, wurden gebeten, dies näher zu spezifizieren. Als erstes wurden selbstverständlich Fahrzeuglinien genannt, wir haben jedoch vor allem Finanzierungsprodukte in den Vordergrund gerückt, die nicht von Spezialfinanzierern angeboten werden, sondern von klassischen Hausbanken.

Es ergab sich folgendes Bild:

Die Antwortmuster sind beinahe selbsterklärend:

  • Als Spezialfinanzierer für das Umlaufvermögen sehen sich Automobilkonzerne und Herstellerbanken ausdrücklich nicht als Immobilienfinanzierer (null Prozent).
  • Schaut man sich die verbleibenden Kategorien an, so muss auf eine Besonderheit bei der Antwort „Kontokorrent“ (25 %) hingewiesen werden: Hierbei handelt es sich in den seltensten Fällen um echten Kontokorrent, sondern vielmehr um ergänzende Linien, die für die Abrechnung von Teilen und Fahrzeugen genutzt werden – also immer die Leistungsbeziehung zwischen Hersteller und Händler betreffen. Damit kommt diese Art der Finanzierung einem Lieferantenkredit eigentlich näher als einer Kontokorrentlinie.
  • Die überwiegende Mehrheit der Finanzierungen betreffen Investitionen in Betriebs- und Geschäftsausstattung (62,5 %), die immer auch den Bezug zur eigenen Marke herstellen und fördern: z. B. Ausstattung im Verkaufsraum, Gestaltung der Außenanlagen (Pylone, Fahnenmasten, Signalisation etc.), Werkzeuginvestitionen.

Schlechteste Ratings in Ostdeutschland

Mit unserer letzten Frage sind wir auf die regionalen Unterschiede in Deutschland eingegangen. Die Frage, ob es im Rating Unterschiede zwischen Regionen gibt, wurde immerhin von 62,5 Prozent der Befragten bejaht.

Wir haben vier große Regionen gebildet, die wir zum Vergleich herangezogen haben:

  • Norddeutschland: Schleswig-Holstein, Bremen, Hamburg und Niedersachsen
  • Ostdeutschland: Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Berlin, Sachsen und Thüringen
  • Westdeutschland: Nordrhein-Westfalen, Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland
  • Süddeutschland: Bayern und Baden-Württemberg

Befragt nach den Handelspartnern mit den besten und den schlechtesten Ratings ergab sich folgendes Bild:

Die tendenziell besten Ratings finden sich im Westen und Süden der Bundesrepublik, während in den nördlichen und östlichen Bundesländern die Unternehmen mit den schlechtesten Ratings beheimatet sind. Ein Bruch besteht innerhalb dieser Gruppe noch einmal dahingehend, dass sich in den neuen Bundesländern die überwiegende Mehrzahl der schlechten Ratings befindet.

Während in den Altbundesländern die Kosten für das notwendige Immobilienvermögen über Generationen eines Familienunternehmens amortisiert werden konnten, drücken offensichtlich noch immer Lasten aus Kapitaldiensten für die Finanzierung der Unternehmensgründung in den noch jungen Unternehmen der neuen Bundesländer.

Unterschiede in der regionalen Entwicklung: Chancen und Risiken für Automobilbetriebe

Nur hierin die Gründe für die regionalen Unterschiede zu suchen, wäre jedoch verfrüht. Wir möchten an dieser Stelle einmal die Aussagen unserer Interviewteilnehmer zu den regionalen Verschiebungen innerhalb der Bundesrepublik Deutschland in Beziehung setzen, die das Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung herausgegeben hat.

Hierbei werden Regionen anhand demografischer Entwicklungen, Einkommenssituation und Bildungs- Infrastruktur in Boom- und Schwundregionen klassifiziert. Eine klassische Boomregion wächst durch die Entwicklung der eigenen Bevölkerung und durch Zuzug, verfügt über ein gutes wirtschaftliches Umfeld sowie Bildungsinfrastruktur und zeichnet sich durch hohe Kaufkraft (geringe Arbeitslosigkeit, hohe Erwerbstätigkeit etc.) aus.

Heruntergebrochen auf Landkreisebene zeigt sich für die Bundesrepublik folgendes Bild:

Mit Ausnahme des „Speckgürtels“ um Berlin herum handelt es sich bei der überwiegenden Anzahl der Landkreise der neuen Bundesländer um sogenannte Schwundregionen. Die Anzahl der Boomregionen häufen sich in den süddeutschen Bundesländern.

Dies bedeutet, dass die beobachteten regionalen Unterschiede in den Ratings der Unternehmen wohl mindestens auf zwei zusammenwirkende Faktoren zurückzuführen sind: Die Betriebe in den neuen Bundesländern werden nicht nur durch noch nicht amortisierte Gründungskosten belastet, ihnen steht auch marktseitig ein geringeres Absatz- und Umsatzpotenzial zur Verfügung.

Eine spannende Entwicklung wird demnach in den Landkreisen im äußersten Westen und Südwesten der Bundesrepublik zu erwarten sein. Auch in Nordrhein-Westfalen und im Saarland häufen sich aufgrund des Strukturwandels im Zuge des Wegfalls alter Industrien die Schwundregionen. Mit Nordrhein- Westfalen als bevölkerungsstärkstem Bundesland handelt es sich um eine Region, die noch über sehr viel Substanz verfügt. Die Chancen für Autohandelsbetriebe, sich strategisch auf die zu erwartenden Veränderungen einzustellen, dürften also ungleich höher sein als in den neuen Bundesländern.

© unitcell 2017     Leibnizstraße 60     10629 Berlin     Telefon: +49 30 536 72 100